- Gesetzliche Krankenkassen sehen den Gesetzgeber als Bremsfaktor der Digitalisierung
- Hohe Hürden erschweren die ePA-Nutzung
- Große Einsatzpotenziale von KI für Verwaltungsmodernisierung stehen regulatorischen Anforderungen gegenüber
- Neue Lünendonk-Studie ab sofort verfügbar
Mindelheim, 31. August 2026 — Die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) in Deutschland stehen vor hohem Veränderungsdruck. Steigende Gesundheitsausgaben, der demografische Wandel und ein massiver Fachkräftemangel erfordern eine grundlegende Modernisierung von Strukturen und Prozessen. Digitalisierung und Verwaltungsmodernisierung sollen Kosten begrenzen, Abläufe effizienter gestalten und zugleich die Versorgung der Versicherten verbessern. Doch die Umsetzung kommt nur schleppend voran. So sind die Kassen zwar bereit für den Wandel, werden aber durch politische Rahmenbedingungen und verzögerte Leitprojekte wie die elektronische Patientenakte (ePA) ausgebremst.
Die Ergebnisse basieren auf der aktuellen Lünendonk-Studie „Digitale Transformation in der gesetzlichen Krankenversicherung: Der Beitrag der GKV zur Modernisierung des Gesundheitswesens“, die in Kooperation mit adesso, AOK Systems, Bitmarck, HeptaSphere und PwC entstand. Die Studie steht ab sofort unter www.luenendonk.de zum kostenfreien Download bereit.
Politische und regulatorische Vorgaben bremsen die Transformation
Obwohl die digitale Transformation für 88 Prozent der befragten Kassen höchste Priorität hat, erschweren zunehmende Kosten sowie politische und regulatorische Rahmenbedingungen die Umsetzung. 94 Prozent bewerten die steigenden Gesundheits- und Pflegeausgaben als größtes strategisches Risiko, 78 Prozent sehen die Politik als Bremsfaktor der Digitalisierung. Kritisiert werden vor allem regulatorische Vorgaben, die als zu restriktiv und praxisfern empfunden werden und notwendige IT-Investitionen verzögern.
„Die Kassen wollen gestalten, doch ihnen sind an vielen Stellen die Hände gebunden“, erklärt Mario Zillmann, Studienautor und Senior Partner bei Lünendonk & Hossenfelder. „Es braucht eine Regulierungskultur, die Risiken differenziert bewertet, statt Innovationen vorschnell zu begrenzen. Nur so kann die Digitalisierung ihr Potenzial für eine effizientere und stärker versichertenorientierte Versorgung entfalten.“
Die ePA: Flächendeckend angelegt, aber kaum genutzt
Besonders deutlich zeigt sich der Handlungsbedarf am Beispiel der elektronischen Patientenakte. Seit Januar 2025 wurde für rund 73 Millionen Versicherte eine ePA angelegt, doch die Nutzungszahlen sind ernüchternd: Nur rund 5 Millionen Versicherte haben ihre Akte bisher aktiviert. 81 Prozent der befragten Krankenkassen bewerten den Rollout daher als schlecht oder sehr schlecht. Als größte Hürden nennen sie den komplizierten Registrierungsprozess (87 %) sowie die geringe Akzeptanz bei Versicherten (77 %) und Leistungserbringern (65 %).
69 Prozent der Kassen sehen großes Potenzial in KI-basierten Anwendungen für ihre Kunden. Studienautor Mario Zillmann: „Obwohl die Telematik-Infrastruktur und die ePA technologisch gut gemacht sind, bieten sie aktuell nur geringe Mehrwerte für Patienten, Leistungserbringer und Kassen. Vor allem die ePa gleicht derzeit eher einer Dokumentenablage und es fehlt an relevanten Funktionen für die Versicherten und Leistungsträger, die echte Mehrwerte in der ePa-Nutzung erzeugen würden – wie beispielsweise die KI-gestützte Volltextsuche in der ePA-Dokumentenablage“. Voraussetzung sowohl für die Akzeptanz der ePA als auch für KI-gestützte Funktionen ist jedoch ein verändertes Mindset vieler beteiligter Akteure – insbesondere im Hinblick auf praxistaugliche regulatorische Vorgaben und deren Auslegung durch die Krankenkassen.
KI entlastet beim Fachkräftemangel, spart aber nicht zwingend Kosten
Nahezu alle befragten Kassen (97 %) sehen Künstliche Intelligenz als unverzichtbar an, um dem demografischen Wandel und dem zunehmenden Fachkräftemangel zu begegnen. Angesichts der bevorstehenden Ruhestandswelle soll KI-gestützte Automatisierung vor allem dazu beitragen, Prozesskapazitäten und Leistungsfähigkeit langfristig zu sichern. Mit kurzfristigen Kostensenkungen rechnen die Kassen dagegen kaum. Vielmehr wird realistisch eingeschätzt, dass hohe Investitionen sowie Lizenz- und Betriebskosten die erzielten Effizienzgewinne teilweise wieder aufzehren. Der strategische Nutzen von KI liegt daher vor allem in der Sicherung der betrieblichen Resilienz – nicht in schnellen Einsparungen.
Bezug
Für die Lünendonk-Studie „Digitale Transformation in der gesetzlichen Krankenversicherung: Der Beitrag der GKV zur Modernisierung des Gesundheitswesens“ wurden im Frühjahr 2026 insgesamt 32 gesetzliche Krankenkassen befragt. Sie repräsentieren rund 44 Millionen Versicherte und damit etwa 60 Prozent aller gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland. An der Studie beteiligten sich Krankenkassen aller Kassenarten. Die Befragten stammen überwiegend aus den strategisch relevanten Bereichen Digitalisierung und IT.
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